Definition
Mit Tinnitus (lateinisch tinnire = klingeln, laut singen) bezeichnet man Hörempfindungen unterschiedlichster Art, die nicht von einer Schallquelle ausserhalb des menschlichen Ohres erzeugt werden und deshalb auch keine Signal- oder Informationsfunktion haben. Es handelt sich um Geräusche von sehr unterschiedlichem Charakter und Lautstärken, wie z.B. Pfeifen, Sausen, Summen, Brummen, Zischen, Klopfen, Dröhnen, Knarren oder Klingeln in einem oder beiden Ohren, manchmal auch im ganzen Kopf.
Ausser den Betroffenen selbst kann niemand sonst die Geräusche hören. Für einen Nichtbetroffenen ist es oft schwer zu verstehen, wie es ist, ständig einen Ton im Ohr zu haben und welche oft unangenehmen Auswirkungen der Tinnitus haben kann. Ist er für den einen nur leicht irritierend (kompensierter Tinnitus), so ist er für einen anderen Betroffenen zumindest zeitweilig ein massiv angstauslösender und lebenseinschänkender Stress, oft mit einschneidenden Auswirkungen auf Ausbildung, Beruf, Gesundheit und die sozialen Beziehungen (dekompensierter Tinnitus).
Verbreitung
Millionen von Menschen haben Tinnitus: Bereits jeder Fünfte von uns hat irgendwann in seinem Leben Erfahrungen mit Ohrgeräuschen oder Ohrensausen in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen gemacht. Ebenfalls haben 60 -80 % aller Jugendlichen bereits einmal Tinnitus gehabt. Bei einem Viertel der Patienten mit chronischem Tinnitus verschwindet er nach Jahren wieder.
Entstehung
Der Hörvorgang wird im Innenohr durch die „inneren und äusseren Haarzellen“ ausgelöst. Dabei sind die „inneren Haarzellen“ die eigentlichen Sinneszellen, welche die Schallwellen in elektrische Impulse umwandeln und zum Hirn weiterleiten. Eher vergleichbar mit Muskelzellen sind die „äusseren Haarzellen“. Sie funktionieren als Verstärker, um das Hören zu optimieren. Die Grundaktivität der „äusseren Haarzellen“ wird vom Hirn wahrgenommen. Da es Stille braucht, damit wir hören können, wird dieses Geräusch vom Hirn herausgefiltert. Es gibt verschiedene Gründe (Lärm, Entzündungen, Kopfverletzungen, Alterungsprozesse usw.), warum diese äusseren Haarzellen absterben und damit die Grundaktivität kleiner wird. Wenn dies vom Hirn registriert wird, versucht es das Defizit auszugleichen. Durch Stimulation wird die Grundaktivität der verbleibenden äusseren Haarzellen über einen Regelkreis wieder erhöht. Diese wird damit in den hörbaren Bereich angehoben. Das ist vergleichbar mit dem Brummen, das auftritt, wenn man einen Verstärker ganz aufdreht, ohne dass Musik läuft. Dieses Phänomen nennen wir Tinnitus. Je mehr der Tinnitus in den Vordergrund tritt, umso mehr Hirnnervenzellen treten in den Dienst des Tinnitus, wie bei jedem Lernvorgang.
Es gibt Kulturen, wo die Menschen sich sehr geehrt fühlen und glücklich sind, wenn sie einen Tinnitus haben, weil sie glauben, dass die Götter mit ihnen sprechen. Bei uns sieht das meistens anders aus.
Das Gehör ist eng mit den Emotionen verbunden. Wir bewerten alle Töne mehr oder weniger bewusst (schreiendes Baby, romantische Musik…). Tinnitus macht oft Angst, und kann bedrohlich wirken. Das ist unter anderem ein Problem der Wahrnehmung und der Aufmerksamkeit. Weil unser Gehirn eine grosse Formbarkeit und Lernfähigkeit hat, kann es auch lernen, den Tinnitus wieder wegzufiltern. Aus diesem Grund ist es möglich, dass der Patient im Laufe der Behandlung seinen Tinnitus beeinflussen und reduzieren kann.
Ursachen
Tinnitus kann sehr viele Auslöser haben. Dazu zählen insbesondere Innenohrschäden durch Knall- oder Lärmtrauma, Hörsturz, Morbus Menière, Folgen einer Infektion des Ohrs oder Kopfverletzungen. Weitere Ursachen finden sich im Mittelohr, bei gutartigen Tumoren des Hörnervs, bei Herzrhythmus-, Kreislauf- und Stoffwechselstörungen. Degenerative Veränderungen im Bereich der Halswirbelsäule und des Kiefergelenks, Stress und psychische Faktoren können den Tinnitus begünstigen. Oft finden wir keine eigentliche Ursache für den Tinnitus.
Abklärungen
Jeder, der einen Tinnitus hat, sollte einmal hals- nasen- ohrenärztlich untersucht werden. Dazu gehört ein genaues Befragen über den Tinnitus und die persönlichen Situation. Wichtig sind auch Allgemeinerkrankungen, Medikamenteneinnahme und psychische Belastungen.
Dann folgt eine HNO-Untersuchung inklusive Ohrmikroskopie. Bei der Hörprüfung werden die Hörschwelle (gerade hörbar) und die Unbehaglichkeitsschwelle (unangenehm laut) ermittelt. Je nach den Befunden sind dann weitere Tests nötig, z.B. ergänzende Hörprüfungen, eine Magnetresonanztomographie oder eine Gleichgewichtsuntersuchung.
Therapie
„Stille und Lärm meiden!“ Das ist in jedem Fall eine wichtige Massnahme. Der Tinnitus wird in der Stille am meisten wahrgenommen und man konzentriert sich immer mehr darauf. Damit gewinnt er eine immer grössere Bedeutung. Nach Lärm wird er oft lauter, deshalb muss das Gehör vor Lärm geschützt werden, wenn möglich mit geeigneten Hörschutzpfropfen, d.h. entweder durch Hörgeräte-AkustikerInnnen individuell angepasste Otoplasten oder spezielle Pfropfen für Musiker, die man im Musikfachhandel oder bei der SUVA erwerben kann.
Über die Behandlung des frisch aufgetretenen Tinnitus gibt es keine einheitliche Meinung. Es gibt Kliniken, die gar keine Behandlung durchführen. Wir bevorzugen die Gabe von Cortison während einigen Tagen kombiniert mit einem durchblutungsfördernden Medikament.
Bei einem chronischen Tinnitus ist man sich einig, dass Medikamente nicht helfen. Seit einiger Zeit hat sich die Tinnitus-Retraining-Therapie durchgesetzt. Diese beinhaltet ein Counseling, d.h.ausführliche Erklärungen bzgl. Physiologie des Hörens und Entstehung des Tinnitus mit Aufzeigen von ersten Verhaltensmassnahmen durch den Hals-, Nasen-, Ohren-Arzt / Ärztin.
Das psychologische Tinnitus-Retraining-Programm setzt sich zusammen aus Information, Analyse situativer Faktoren von Zunahme und Abnahme der Belästigung durch den Tinnitus, Übungen zur Umlenkung der Aufmerksamkeit, Verbesserung der Bewältigungsstrategien, Üben von verschiedenen Entspannungsverfahren, Selbsthypnosetechniken und Übungen zum Stressmanagement.
Das dritte Standbein ist der AkustikerIn. Besteht eine relevante Hörstörung, so kann ein Hörgerät angepasst werden. 70% der Menschen mit Tinnitus, bei denen ein Hörgerät angepasst wird, hören danach ihren Tinnitus deutlich leiser oder gar nicht mehr. Ohne Hörverminderung kann ein sog. „Noiser“ eingesetzt werden. Dieser ist einem kleinen Hörgerät ähnlich und wird täglich 6-8 Stunden in der Ohrmuschel getragen. Er gibt ein Rauschen ab, das gerade etwas leiser ist als der Tinnitus. Dadurch wird die akustische Hintergrundaktivität erhöht und die subjektive Wahrnehmung des Tinnitus reduziert.
Das Ziel der Behandlung ist die Habituation, d.h. ein Ausblenden des Tinnitus aus der Wahrnehmung. Es ist nicht möglich, den Tinnitus einfach zum Verschwinden zu bringen. Man kann aber lernen, dass er in den Hintergrund rückt, nicht ständig die Aufmerksamkeit auf sich zieht und negative Emotionen auslöst.
Tinnitus-Team Luzern (www.tinnitus-luzern.ch):<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />
Dr. med. Monica Conrad-Rüedi
FMH für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten, Hals- und Gesichtschirurgie
Haldenstrasse 11, 6006 Luzern
Fon: 041 419 33 33, Fax: 041 419 33 39
conrad@hno-praxis.ch
Lic. phil. Brigitte Hauser
Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Psychotherapie FSP/SVKP/SGGT
Supervisorin SGGT
Fluhmattweg 4, 6004 Luzern
041 410 85 09 oder 041 410 42 08
bhauser@freesurf.ch
Interesse an einer Tinnitus-Selbsthilfegruppe?
Eine Selbsthilfegruppe kann Menschen helfen, die unter Ohrgeräuschen leiden. Sie bietet Unterstützung für alle, die mit dem Tinnitus alleine nur schwer zu Recht kommen.
Gemeinsam soll der Umgang mit dem Tinnitus verbessert werden.
Zur gegenseitigen Hilfe ergeben sich folgende Möglichkeiten:
► Erfahrungs- und Gedankenaustausch
► Gespräche, Diskussionen und Lernen in einer Gemeinschaft von Menschen, die für Tinnitus-Probleme volles Verständnis hat
► Austausch von nützlichen Tipps
► Entspannungsübungen
► Aufklärung und Information durch Fachpersonen
Die Treffen finden jeweils am ersten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr statt im<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />
Restaurant Unterlachenhof (Säli)
Tribschenstr. 20
6005 Luzern
Kontaktperson (eine Anmeldung ist wünschenswert):
Markus Vetter
Weinberglistr. 17
6005 Luzern
041 360 11 44
ma.vet@bluewin.ch